110 Jahre Kaunergrathütte

Am 7. September 2013 wird die Kaunergrathütte 110 Jahre alt. Der Erwerb und die grundbuchmäßige Übertragung von der Akademischen Sektion Graz auf die Sektion Mainz erfolgte vor 10 Jahren zum 1. Januar 2003. Den symbolischen Kaufpreis von 1 Euro überbrachte der damalige Hüttenwart Dr. Hermann Requadt persönlich nach Graz. Über die Entstehung der Kaunergrathütte vor 110 Jahren kann man sich anhand der Dokumente in unserem Vereinsarchiv ein recht gutes Bild machen.

Bei der 1892 von bergbegeisterten Studenten gegründeten Akademischen Sektion Graz wurde schon bald der Wunsch nach einem eigenen Heim lauter. Schon 1895 gab es eine Hüttenbaukasse mit einem Bestand von 144 Kronen (Kr, ca. 1770 €), der bis 1901 auf 1341 Kr anwuchs. Mit Schreiben vom 18. Januar 1900 wandte sich die Akademische Sektion Graz an den "Central-Ausschuss des D.u.Ö. AV" (C.A.) in Innsbruck. Darin heißt es: "Da wir uns auch mit der Absicht tragen, eine Schutzhütte zu erbauen, und die zu diesem Zwecke vor Jahren gegründete Hüttenbaucasse bereits ein ganz anständiges Sümmchen aufweist, erlauben wir uns, mit dem Ersuchen an Sie heranzutreten, Sie mögen uns eine Auswahl geeigneter Hüttenbauplätze bekannt geben…." Der Platz sollte innerhalb der Grenzen der Steiermark, deren Landeshauptstadt Graz war und ist, aber nicht im Arbeitsgebiet einer anderen Sektion liegen.

Verschiedene Vorschläge, auch die des C.A., wurden diskutiert. Aber in der Steiermark war, wie der Vorstand Prof. Dr. Anton Waßmuth in der Jahreshauptversammlung 1900 berichtete, "kein Hüttenplatz zu finden, der der Würde einer akademischen Sektion entsprochen hätte."

Einer der bedeutendsten Bergsteiger des Vereins, Karl Berger, machte auf den Kaunergrat aufmerksam, der damals ein einsames und verträumtes Dasein führte und dessen Gipfel nur hin wieder von einigen Liebhabern seiner schroffen Felsen wegen erstiegen wurden. Im Sommer 1900 zogen "vier Innsbrucker Mitglieder (J. Albert, R. Peer, E. und F. Sarlay) ins Pitztal, vollführten dort einige alpine Heldentaten und kamen begeistert über die geschauten Wunder zurück." Der in der Hauptversammlung im Juli 1900 gestellte "Antrag, am Fuße der Watzespitze eine Schutzhütte zu bauen, fand freudige Zustimmung." Ein achtköpfiger Hüttenbauausschuss wurde mit den Vorarbeiten betraut.

Bereits am 27. Januar 1901 ersuchte die Sektion, nachdem ihr von der Gemeinde "Pitzthal" die schriftliche Zusage der Bewilligung zum Weg- und Hüttenbau sowie zur unentgeltlichen Grundstücksüberlassung erteilt war, den "löblichen Central-Ausschuss, die Baukosten für den Weg zur Hütte ganz und für die Hütte selbst zur Hälfte zu tragen." Eine Entscheidung hierüber stellte der C.A. aber bis zum Vorliegen eines Kostenvoranschlags zurück. Dieser wurde mit dem förmlichen "Subventions-Antrag" vom 10. Februar 1902 eingereicht. Er lautete auf 9265 Kr (7900 Mark, Mk). Die Sektion erbat einen Zuschuss von 4000 Mk. Interessant ist, dass der sehr detaillierte Kostenvoranschlag bereits eine Position Blitzableiter vorsah.

Der C.A. holte zunächst eine Stellungnahme von Theodor Petersen, einem der Urväter des deutschen Alpinismus, zum bergsteigerischen Nutzen des Hüttenbaues am Platz unterhalb des Madatschjochs ein. Am 28. Februar 1902 antwortete er: "…Der Wegebau von Plangeros bis zur Hütte am Madatschjoch wird allerdings viel kosten. Doch möchte ich ihn schon im Interesse der verbesserten Communication zwischen Plangeros und Feuchten befürworten. Wenn später auf dem Wege auf beiden Thalseiten eine Hütte liegt, die Madatsch- und die Verpeilhütte, so kann das nur erwünscht sein. … Die prachtvollen Spitzen: Watzespitze, Verpeilspitze und Schwabenkopf sind aber eine oder zwei Hüttenbauten auch werth. …"

Bei der Generalversammlung in Wiesbaden wurde dann laut Schreiben des C.A. vom 30. September 1902 eine Subvention von 4000 Mark für die Erbauung einer Schutzhütte am Madatschjoch im Pitztal bewilligt. Am 9. Februar 1903 erbat die Sektion wegen der "steigenden Arbeitslöhne und der Holzbeschaffung aus größerer Entfernung" nochmals eine Subvention von 2500 Mark – sie erhielt aber nur 2000 Mark.

Der von der Sektion durch den Bauvertrag vom 1. Dezember 1902 verpflichtete "Bauführer" war der Bauunternehmer, Gastwirt und Bergführer Franz Kirschner aus Plangeros. Er stellte die Kaunsergrat-Hütte, wie sie zunächst bezeichnet wurde, "im Herbst 1903 so weit her, dass sie am 7. September 1903 zur Benutzung und Beherbergung der Bergsteiger freigegeben werden konnte", wie es in einem Schreiben der Sektion an den C.A. vom 18. Januar 1904 hieß. In diesem Schreiben wurde außerdem um eine "außerordentliche Gnadengabe" von 500 Mk an Franz Kirschner gebeten, weil dieser irrtümlich von einem tiefer und für ihn günstiger gelegenen Bauplatz ausgegangen war. Zur Hütteneröffnung wurde natürlich auch der C.A. mit Schreiben vom 9. August 1903 eingeladen.

Baupläne der Hütte des Jahres 1903 existieren nicht. Rudolf Bratschko schreibt, "dass sie zunächst aus einer gemeinsamen Küche mit Gastraum, einem kleinen Lager sowie zwei winzigen Zimmern bestand." Aus der dem Subventionsantrag vom 10. Februar 1902 beigefügten Baubeschreibung ist zu entnehmen, dass die "zu erbauende Hütte allerdings nur ein Stockwerk besitzt, es wurde aber durch Höherführung der Aufmauerung ermöglicht, auch im Dachstock zwei abgetrennte Schlafräume nebst Führerabtheil zu schaffen. Die Hütte, die 9,20 m lang und 7,75 m breit ist, wird so aufgestellt, dass der Eingang mit dem kleinen Vorbau in’s Thal hinabsieht, also nach Osten gewandt, die fensterlose Rückwand dagegen gegen das Madatschjoch gerichtet ist. Der Eintritt erfolgt durch den gedeckten Vorraum in die mit dem Alpenvereinsschloss abzusperrende Küche, die gleichzeitig auch als Führerraum dient. Über eine Treppe gelangt man in den Dachstock, wo sich auf der einen Seite zwei getrennte Zimmer mit vier Betten, auf der anderen Seite ein Pritschenlager für sieben Personen, für Touristen und Führer getheilt, sich vorfindet. Aus der Küche gelangt man andererseits zuerst in das Gastzimmer und dann in den gemeinschaftlichen Schlafraum, der abgetheilte Schlafstellen: 2 zu je 2 Betten und 2 zu je 1 Bett enthält. … Die Innenwände der Hütte sind natürlich aus Holz. Die Außenwand stellt eine mit Cement gefügte Steinmauer von 60 cm Breite dar, die innen vertäfelt wird. Starke, vom Boden bis zum Dache reichende Verankerungen sollen das Haus gegen Stürme schützen. …"

Die bis 1927 als Selbstversorgerhütte geführte und nur mit AV-Schlüssel zugängliche Kaunergrathütte muss also von Anfang an das Aussehen wie in der abgebildeten Zeichnung von 1923 gehabt haben. Dass der Kaunergrathütte noch große Zeiten, aber auch viele Probleme bevorstanden, ahnte bei ihrer Eröffung aber wohl niemand.

Peter Skoda