15 Bergsommer Kaunergrathütte DAV-Sektion Mainz

Mitte Juni 2017 öffnet die Kaunergrathütte die Türen zum 15. Bergsommer Mainzer Geschichte. Die Berghütte in der gewaltigen Hochgebirgsarena des Kaunergrates hat sich in dieser Zeit grundlegend gewandelt. Im höchsten Maße sanierungsbedürftig bei ihrer Übernahme, ist sie heute wieder eine bekannte, schöne und beliebte Schutzhütte in den Ötztaler Alpen. Eine Bereicherung für den Deutschen Alpenverein, die Sektion Mainz und die alpine Bergwelt. Für unsere Mitglieder und die Leser dieser Sektionszeitschrift fasst der nachfolgende Beitrag die wesentlichen Stationen der Entwicklungsgeschichte zusammen.

Erwerb der Kaunergrathütte 2003

Schon früh in ihrer Geschichte ist die Sektion im Hütten- und Wegebereich der Alpen aktiv geworden. In der Gründungszeit des heutigen Heilbronner Weges im Allgäuer Hauptkamm hatten die Mainzer gute Chancen und den Zuschlag, den heute stark begangenen überaus attraktiven Höhenweg zwischen Rappenseehütte und Kemptner Hütte zu bauen. Das Vorhaben wurde aber zugunsten einer Mainzer Berghütte im Großglockner-Bereich aufgegeben. 1944 verkaufte die Sektion die „Mainzer Hütte“ nach mehreren großen Lawinenschäden an den Österreichischen Gebirgsverein. 1974 wurde die Sektion Mainz wieder in den Alpen aktiv. Damals übernahm sie im Geigenkamm den südlichen Teil des vernachlässigten Hindenburgweges zwischen der Neuen Chemnitzer Hütte (heute Rüsselsheimer Hütte) und der Braunschweiger Hütte, errichtete das Rheinland-Pfalz-Biwak (3252 m) und baute den heutigen „Mainzer Höhenweg“ Zug um Zug zu einem der anspruchsvollsten und schönsten Höhenwege der Ostalpen aus. Was die DAV-Sektion Mainz in der Nachkriegszeit bis zur letzten Jahrhundertwende allerdings nicht hatte, war eine Berghütte in den Alpen. Zaghafte Versuche scheiterten zunächst. Kurz nach der Jahrhundertwende wurde ihr die seit 1903 der Akademischen Sektion Graz gehörende Kaunergrathütte in den Ötztaler Alpen angeboten. Das Echo aus der Mainzer Mitgliederschaft war geteilt. Einem Teil der Kritiker war die Hütte zu weit weg vom Sitz der Sektion, anderen schien der Investitionsaufwand zu groß. Gleichzeitig gab es große Präferenzen für den Bau einer Kletterhalle. Letztlich wurde der Konflikt mit einem mutigen Kompromiss aufgelöst: Übernahme der Kaunergrathütte und Bau einer Kletterhalle in Mainz.

Erste Sanierungsphase 2003 - 2007

Der erste Eindruck von der Kaunergrathütte ließ keine Zweifel offen. Die Hütte musste von Grund auf saniert werden. Das alte Dach musste runter, ein neues drauf. Mauern mussten verändert, neu eingezogen und für Türeingänge durchbrochen werden und vieles mehr. Zwingend notwendig auch eine neue Energieversorgung, denn ohne Wasser und Energie ist der Betrieb einer Berghütte nicht möglich. Sie allein kostete um die 250.000 €. Als modernes, sich selbststeuerndes System sollte das Rapsöl betriebene Blockheizkraftwerk im Verbund mit einer Photovoltaikanlage, einer Solarthermie und Wechselrichtern die naturfreundliche Energieerzeugung der Kaunergrathütte sicherstellen. Bei der Auswahl der sich anbietenden Unternehmen hatte man leider keine glückliche Hand. Nach vielen Ausfällen und mangelhaften Leistungen entschloss sich 2009 die Sektion, das System gegen ein neues auszutauschen, das bis heute sehr zufriedenstellend arbeitet. Zusätzliche Kosten: ca. 150.000 €. Es hätte noch mehr getan werden müssen. Doch mit Kosten in Höhe von mehr als einer halben Million Euro war der Finanzrahmen der Sektion erst einmal ausgeschöpft. Man plante die weitere Sanierung für Folgejahre ein.

Hüttenphilosophie

Nicht nur der Bauzustand bei Hüttenübernahme war ernüchternd, sondern auch die Übernachtungszahlen in den Jahren 2003 - 2006. Von der ersten Stunde an konnte das Gebot daher nur lauten, die Kaunergrathütte attraktiver und wirtschaftlich zukunftsfest zu machen. Nach einer gründlichen Analyse der strukturellen Gegebenheiten gründete die Mainzer Hüttenphilosophie im Ergebnis auf fünf Säulen:

  • Angebote für den Tagesbesucher. Kurze Wege im näheren Hüttenbereich mit im Stundenbereich erreichbaren Zielen. So das Steinbockjoch (2920 m, ca. 45 min.), der Plangeroßkopf (3053 m, ca. 1 h) und Madatschjoch (3030 m, 1 h). Besondere Attraktivität besitzt für Bergwanderer die Möglichkeit, die 3000 m bei einem Hüttenbesuch auch auf leichterem Weg zu übersteigen!
  • Angebote für Bergsteiger und Alpinkletterer. Erhaltung und Pflege attraktiver Routen zu den die Hütte umgebenden 3000ern. So Watzespitze (3533 m), Verpeilspitze (3425 m), Schwabenkopf (3379 m), Seekarlesschneid (3208 m), Parstleswand (Westgipfel 3091 m, Ostgipfel 3085 m). Errichtung einer Kletterarena, einschließlich Lehrklettersteig, an der Hütte sowie Routen zu den 3000er-Gipfeln.
  • Aufbau einer kleinen Bergsteigerschule. Schon von etwa 1928 an bauten die Grazer die Kaunergrathütte zu einer kleinen Bergsteigerschule aus. Für die damalige Zeit sehr und lange erfolgreich. Noch gut bekannt der langjährige Hüttenwirt und legendäre Bergsteiger Hermann Bratschko. Dem baulichen Niedergang der Hütte folgte auch der Betrieb der Bergsteigerschule. 2006 nahm die DAV-Sektion Mainz die Ausbildungstätigkeit auf der Kaunergrathütte wieder auf. Mittlerweile mit gutem Erfolg. Das Spektrum der Kurse ist weit gesteckt.
  • Hüttenanbindung an Weit- und Rundwanderwege. Mit der Anbindung der Kaunergrathütte an den Europawanderweg 5 (E5) hatte die DAV-Sektion Mainz guten Erfolg. Die „E5-Kaunergratvariante“ ein Leckerbissen für erfahrene Bergwanderer und Bergsteiger. “Die Kaunergratvariante gehört zu den schönsten Abschnitten in diesem Wanderführer…..“ (E5, Rother Verlag). Die Sektion erweiterte das Tourenangebot mit einer „Verpeilrunde“ und die DAV-Sektion München (Taschachhaus) fügte mit der „Pitztal-Tour“ eine weitere Rundwanderung hinzu. 2015 schuf der Tourismusverband Pitztal mit der „Kaunergrat-Runde“ (Umrundung des Kaunergrates) eine weitere attraktive Rundwandermöglichkeit.
  • Öffentlichkeitsarbeit. Von Anbeginn der Mainzer Zeit wurde am Bekanntheitsgrad der Kaunergrathütte gearbeitet: Hütten- und Wegefolder, Zeitungsbeiträge, Rundfunk- und TV-Beiträge, Vereinshomepage und Hüttenhomepage, Facebook, Fachzeitschriften („Alpin“, „Bergsteiger“, „Panorama“ u. a.). Eine zähe Arbeit, die sich aktuell als sehr erfolgreich erwiesen hat. Die Kaunergrathütte ist für Alpinisten inzwischen wieder eine gute Adresse geworden.

2011 Pächterwechsel

Von 2003 bis 2010 war die Pitztaler Familie Andreas und Carmen Jeitner Pächter auf der Kaunergrathütte. Das gut arbeitende Paar hatte es in den ersten Jahren schwer. Die Übernachtungszahlen waren sehr niedrig. Unsere Hüttenphilosophie brauchte Zeit für Entwicklung. Andreas hat tatkräftig und lobenswert am guten Erscheinungsbild von Hütte und Wegen mitgearbeitet. 2007 zeigte das Bemühen der Sektion, die Attraktivität der Hütte zu steigern, erstmals Erfolg. Knapp 1400 Übernachtungen bedeuteten einen großen Schritt nach vorne. Überraschenderweise in dieser Phase der Hüttenentwicklung hat Andreas Jeitner im Frühjahr 2011 den Vertrag als Pächter der Kaunergrathütte aufgekündigt. Mit der Suche nach einer Nachfolgerfamilie kurz vor Saisonbeginn hatte dann die DAV-Sektion Mainz eine mehr als glückliche Hand. Sie konnte für diese nicht einfache Aufgabe die Pitztaler Familie Dobler gewinnen. Claudia Dobler entstammt einer Hüttenwirt-Dynastie. Ihr Vater war DAV-Hüttenwirt, außerdem auch drei ihrer Geschwister; ihr Bruder Werner, heute Hanauer Hütte, bis 2002 sogar auf der Kaunergrathütte. Kurz vor dem Pächterwechsel erkrankte Claudia schwer. Kurzerhand übernahm Tochter Julia die Aufgabe. Bravourös! Mit 23 Jahren damals jüngste Hüttenwirtin Tirols. Sie macht das mit ihrer Familie bis zum heutigen Tag einfach großartig. Die freundliche, sympathische und kommunikative Art des Hüttenteams brachte der Kaunergrathütte zunehmend Beachtung und Erfolg. Die Zahlen belegen das eindrucksvoll.

2011 Bau der Wegekapelle St. Martin an der Kaunergrathütte

Was den Frontmännern der Mainzer Hüttenbefürworter allerdings bis 2011 noch fehlte, war eine Wegekapelle an der Kaunergrathütte. Wegen den bereits getätigten und noch bevorstehenden Investitionen nicht unumstritten. Aber die Mainzer Sektion zeigte sich um Lösung bemüht. Eine Spendenaktion der Mitglieder erbrachte vollständig den erforderlichen Betrag von rd. € 26.000. Mit der Kapelle erfuhren die Kaunergrathütte und die Tiroler Heimat- und Bergkultur eine weitere Bereicherung. Vom Schutzpatron St. Martin des Mainzer Doms und der Mainzer Diözese erhielt die Wegekapelle ihren Namen. Am letzten Augustwochenende 2011 wurde sie im Rahmen einer ökumenischen Bergmesse auf der Kaunergrathütte eingeweiht und ihrer Bestimmung übergeben.

2. Sanierungsphase 2014 - 2016

Seit Jahren schon war der Substanzverlust des Mauerwerkes an wesentlichen Bauteilen der Kaunergrathütte unverkennbar. Der Außenwand zur Sonnenterasse drohte der Zusammenbruch. Platzmangel hinten und vorne. Die Fenster marode. Die stark riechenden Trockentoiletten im Innenhaus der Hütte verlangten eine Lösung. Das Lebensmittellager hinter der Küche (Kegelbahn) musste saniert werden. Und der Anteil an der Strom und Wärme erzeugenden Sonnenenergie war zu gering. Die inzwischen vom DAV für alle Hütten geforderte Bestandserhebung vom 22.08.2012 wies in ihrem Mängelbericht auf für den weiteren Betrieb der Hütte unbedingt abzustellende Defizite hin. In einer zweiten Sanierungsphase von 2014 bis 2016 nahm die Mainzer Sektion sich dieser Probleme an.

Um den Hüttenbetrieb im Jahre 2014 aufrechterhalten zu können, musste mit der Gastraumaußenwand-Sanierung schon ab 01.05 2014 unter extrem schwierigen Außenbedingungen wie Schnee, Kälte, Schlechtwetterphasen begonnen werden. Hinter der Vertäfelung kamen so riesige Hohlräume im Mauerwerk zum Vorschein, dass über 7 Tonnen eines Verbundmörtels in einem modernen Injektionsverfahren eingefüllt werden mussten. Danach, so die Fachleute unserer Baufirma, würde die Wand wieder für die nächsten „100 Jahre“ halten. Dies zog ein fast totales Auseinandernehmen des Gastrauminneren nach sich: Fußboden, elektrische Leitungen sowie die Fenster wurden erneuert, Decke, Wandvertäfelungen vorsichtig restauriert, um den besonderen Charme des Raumes zu erhalten. Dank großartiger Unterstützung freiwilliger Sektionshelfer und vor allem der Hüttenwirtsfamilie Dobler war das Ziel Mitte Juni 2014, kurz vor Hütteneröffnung, erreicht.

2015 ging es dann weiter. Angesichts behördlicher Auflagen wurde der talseitige Vorbau der Hütte um ein ganzes Stockwerk erhöht und ein Brandschutz gerechter neuer Treppenaufgang zum 1. Stock eingepasst. Wohnräume, Duschen und Toiletten für die Hüttenwirtsfamilie und deren Personal sind dort entstanden. Zudem noch ein Seminarraum für Kurse und zwei kleine Räume für Übernachtungsgäste. Auf dem neuen Dach blieb auch noch Platz für die Erweiterung der Photovoltaik-Anlage. Ein großes Anliegen war der DAV-Sektion Mainz die Erneuerung der Toilettenanlagen für die Gäste. Der Geruch im Innenhaus der Kaunergrathütte war für viele Gäste eine unvergessene und leider auch gern kommunizierte Erinnerung. Eine dem aktuellen Stand der Technik entsprechende neue Toilettenanlage mit Vorräumen und Handwaschbecken löste auch dieses Problem.

Aber noch immer bestand Platzmangel vor allem für die Einlagerung der Unmengen an Brennholz vom Dachabbau und der Lebensmittel bzw. Getränke. Dem wurde dann 2016 durch den Bau eines Holz- und Geräteschuppens weitgehend Abhilfe geschaffen.

Verleihung des Umweltgütesiegels

Als dem Umwelt- und Naturschutz verpflichteter Verein wurde einhergehend mit der Sanierung auch der Erwerb des Umweltgütesiegels ins Auge gefasst. Einige der Muss-Kriterien wie Energieerzeugung und -haushalt sowie Wasser- und Abwasserbehandlung wurden dabei bereits erfüllt. Leider hatten sich im Laufe der Jahrzehnte vor der Übernahme auch Unmengen Müll und Abfälle in den Felsen hinter der Hütte und den davorliegenden Freiflächen angesammelt. In zwei Großeinsätzen mit dem Tiroler Alpenschutzbund und mit in der Spitze 18 freiwilligen Mainzer Teilnehmern wurden 2012 und 2013 4,8 Tonnen Abfall geborgen, in 380 Säcke verpackt und abgeflogen. Ein neues Abfallvermeidungs- und Trennsystem wurde mit der Pächterfamilie eingeführt und bisher mehr als 65% der Soll-Kriterien erreicht. Dies führte im November 2016 zur feierlichen Verleihung des Umweltgütesiegels durch den DAV. Die Kaunergrathütte ist damit eine der 59 von 324 Hütten im DAV-Bereich mit dieser Auszeichnung.

Entwicklung der Besucherzahlen

Die Kaunergrathütte in einer Höhenlage von 2817 m zählt zu den Alpenvereinshütten in Extremlagen. Sie ist nur zu Fuß oder per Helikopter erreichbar. Eine Materialseilbahn gibt es nicht. Der einfachste Weg zur Hütte misst bei 6 km Länge ca. 1200 Höhenmeter. Für ihren Besuch und für die Gästezahl spielt daher das Wetter in den Bergsommern eine gewichtige Rolle. Von 2003 bis 2006 reichten die Übernachtungszahlen pro Sommerbergsaison teilweise nicht annähernd an die 1000 Personen heran. 2007 begann dann die Mainzer Hüttenphilosophie erste Früchte zu tragen. Mit mehr als 1300 Übernachtungen ging es deutlich aufwärts. Bis 2010 konnte dieses Ergebnis in etwa gehalten werden. Eine sprunghafte Weiterentwicklung trat mit dem Wechsel der Hüttenpächter in 2011 ein. Die Übernachtungszahlen überstiegen bis heute immer - teilweise deutlich - die 2000er-Grenze. Im bisherigen Spitzenjahr 2016 verzeichnete die Hütte fast 2700 Übernachtungen und eine steigende Zahl an Tagesbesuchern. Bei knapp 100 Öffnungstagen für die Sektion und die Hüttenwirtsfamilie eine erfreuliche Entwicklung, auch ökonomisch.

Resümee 15 Bergsommer Kaunergrathütte DAV Mainz

Die Kaunergrathütte ist im Jahre 2016 nach sehr schwierigen Anfangsjahren auf einer Stufe angekommen, von der der Vorstand und die Hüttenverantwortlichen der Mainzer Alpenvereinssektion - nach einer Anlaufzeit - immer geträumt haben. Inmitten einer großartigen, weitgehend naturbelassenen Hochgebirgsarena im Herzen des Kaunergrates ist die wieder stolze Schutzhütte zum Inbegriff echter alpiner Lebensweise geworden: einfach, urig, heimelig, sympathisch und schön. Liebevoll und gut geführt vom Hüttenteam der Familie Dobler. In einer Zeit, in der sich immer mehr Berghütten nach Sanierungen als Berggasthäuser darstellen, zeigt sich das Berghaus am Kaunergrat als wahres Kleinod für echte Bergfreunde und Naturliebhaber. Die Kaunergrathütte hat im Verlaufe der letzten 15 Bergsommer wieder viele Sympathien geweckt und Freunde gewonnen. Maßgeblicher Grund dafür, dass Besuchs- und Übernachtungsniveau ab 2011 trotz einiger wettermäßig durchschnittlicher Bergsommer stabil geblieben sind. Das wiedergewonnene Image trägt sich im Kreise der Alpinwanderer/Weit- und Rundwanderer, Felskletterer, Hochtour-Alpinisten weiter. Es lässt die DAV-Sektion Mainz und ihre Hüttenwirtsfamilie Dobler zuversichtlich in die Zukunft blicken. Mit Stolz schaut heute die DAV-Sektion Mainz auf ihre Berghütte im Kaunergrat.

Text: Manfred Neuber, Fotos: Manfred Neuber, Julia Dobler, Erik Nötzold, Peter Skoda (†)