Alpine Genusskletterwoche in den Lechtaler Alpen (13. - 20. August 2016)

Was ist alpines Genussklettern?

Neulich las man in den Sektionsmitteilungen, dass die FÜL Alpinklettern - Annette und Heinz - eine Ausfahrt Genussklettern in den Lechtaler Alpen anbieten würden. Sechs Teilnehmer ließen sich von der vielversprechenden Ausschreibung verführen und probierten es aus. Aber kann man das Erlebte wirklich als "Genusskletterwoche" bezeichnen? Urteilen Sie selbst!

Nach einer stauträchtigen Anreise stiegen wir, bepackt mit viel zu schweren Rucksäcken und Kletterseilen, an einem heißen Sommertag die letzten 800 Höhenmeter zu Fuß zur Steinseehütte (2061 m) auf. Noch völlig entkräftet hörte ich am Abend unsere Tourenleiter fragen, was wir überhaupt unter Genussklettern verstehen würden, bevor ich ins Bett fiel. Um uns aufeinander abzustimmen, verabredeten wir uns für den ersten Klettertag im Klettergarten. Ein kleines Sicherungs- und Standplatz-Update und die Wiederholung der Seilkommandos gaben uns nochmals eine zusätzliche Sicherheit, da auch wir uns zunächst als Kletterpartner kennenlernen mussten. Mit einem guten Gefühl ging es sodann in unsere ersten gemeinsamen Mehrseillängen. Die Abstimmung in den Routen klappte schon anfänglich sehr gut, so dass wir immer weiter und weiter kletterten. Von der Felswand aber erspähte man auch den Steinsee, der mit seinem türkisblauen Wasser in der Sonne glänzte und uns fleißige Kletterer quasi schon aus der Ferne zu einer kleinen Erfrischung einlud. Und so kam es wie es kommen musste. Den Sprung ins kühle - nein kalte - Nass hatten wir uns gen Nachmittag mehr als verdient. Die letzten Sonnenstunden genossen wir am Ufer des Sees, bevor wir pünktlich zum Abendessen zurück zur Steinseehütte wanderten.

Unser Vorhaben für den nächsten Tag führte uns am frühen Morgen bei strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel zunächst eine Stunde steil bergauf, teilweise durch loses Geröll, zum Parzinnenturm. Dort stiegen wir mit jeweils zwei Seilschaften in zwei parallele Klettertouren ein. Dankenswerterweise räumte uns Annette den Einstieg in unsere Mehrseilroute frei, indem sie zwei angehenden Bergführern erst einmal den Einstieg in deren Route zeigte. Mit meinem Seilpartner waren wir eine der führenden Seilschaften. Geschmeidig überwand dieser den Einstieg und holte mich nach 30 m wunderschöner Kletterei nach. In der nächsten Seillänge war ich Vorsteigerin. Doch hörte ich bereits nach der Hälfte die Anweisung "Rückzug!". Hääh, Rückzug? Ein kleines Donnern war der Auslöser für dieses Kommando unserer Tourenleiter. Vielleicht hätte man zu diesem Zeitpunkt noch diskutieren wollen, ob die Tour nicht zu früh abgebrochen wird. Rückblickend wissen wir, dass der Abbruch keine eine Minute zu früh kam. Die alpinen Gefahren zeigten sich alsbald mit beeindruckender Deutlichkeit! Obgleich wir sehr zügig abseilten, schafften es nicht alle, den Boden trocken zu erreichen. Binnen kürzester Zeit fing es an heftig zu regnen. Wassermassen - ähnlich denen eines kleinen Wasserfalles - schossen die Felswand herab, in der wir uns nur Minuten vorher noch aufgehalten hatten. Steine und Geröll wurden mitgerissen. Einen derart schnellen Wetterwechsel hatte ich zuvor noch nicht erlebt. Uns fehlte die Zeit, selbst um die Seile wieder aufzunehmen. Völlig durchnässt fanden wir Unterschlupf in unserer Hütte. Schuhe, Kletterschuhe, Seile, Klettergurte, Hosen, Shirts, Rucksäcke - einfach alles wurde zum Trocken aufgehängt.

Bedauerlicherweise sollten wir auch an den verbleibenden Tagen keine stabile Wetterlage mehr bekommen. Wir planten aus diesem Grund nur noch kürzere Mehrseillängen bzw. es wurde proaktiv ein Rückzugspunkt festgelegt. Mit einem Tag Verspätung und nach ca. 250 Klettermetern gelang es uns, den Parzinnenturm doch noch zu besteigen. Zwar zierten dunkle Wolken das Gipfelkreuz, allerdings blieben wir alle an diesem Tag trocken.

In geheimer Mission stellten Annette und Heinz am Abend die Seilschaften für den nächsten Tag zusammen. An der Schneekarlesspitze stiegen wir wieder in zwei benachbarte Routen ein. Schon der Zustieg und die Routenfindung stellten eine Herausforderung dar. Gut ausgerüstet stieg ich in die erste Seillänge (43 m) von "Karabiner rot" ein. Noch lange hörte ich die aufmunternden Worte meines Seilpartners, "Sieht gut aus. Souverän!". Ehrlich gesagt, habe ich mir an der einen oder anderen Stelle Gedanken darüber gemacht, ob ich DAS unter Plaisir-Klettern verstehe. Aber tatsächlich, mit jedem erklommenen Meter wurde es ein größeres Vergnügen. Anspannung, Konzentration, filigrane Bewegungen, Antreten, Stehen, kleine Leisten, tief durchatmen, die Auflösung des Problems, Erleichterung, unterschiedliche Strukturen, Freude, jetzt bloß das Gleichgewicht halten (jawoll!!), ein spektakuläres Erlebnis. Nach 90 m wurde am zweiten Standplatz vereinbarungsgemäß wieder abgeseilt. Traurig, uns blieb nichts anderes übrig als die 3. Seillänge anzuschmachten und schon mal gedankliche Pläne für den Wiedereinstieg zu schmieden. Annette und ihre Seilschaften holten wir an der Südostverschneidung ab und zogen sodann weiter in den Klettergarten. Dort konnten wir nach einem leichten Schauer nochmals an den Fels gehen und hatten in kürzeren Touren bis zum späten Nachmittag viel Spaß.

Zwei im Kletterführer als leicht bewertete Routen stellten uns am nächsten Tag vor so manche Herausforderung. Alpin - gerade das bedeutet eben nicht immer perfekt abgesicherte Kletterei vorzufinden, die Notwendigkeit selbst mobile Zwischensicherungen sicher zu legen, die Felsqualität zu beurteilen, den Routenverlauf zu erkennen, sich permanent zu orientieren und jeden Meter aufmerksam anzugehen. Herausforderungen, die von Einsteigern in das Felsklettern, aber auch von erfahrenen Seilschaften, niemals unterschätzt werden sollten.

Die Wichtigkeit einer umsichtigen Kletterei zeigte sich vor allem an unserem letzten Klettertag. "In ricordo di pauli" und ein "Ein Stück Himmel" waren teilweise mit losem bzw. brüchigem Gestein versehen. So kam es an diesem Tag zu einem durch uns selbst ausgelösten, massiven Steinschlag. Im Endeffekt verursachte er zwar keinen Schaden. Glücklicherweise! Aber er ließ uns sehr nachdenklich werden, da jede Person unterhalb keinerlei Chance zum Ausweichen gehabt hatte. Noch umsichtiger - ja keinen einen Kiesel lostretend - stiegen wir bis zum Gipfel, wo sich alle vier Seilschaften wieder gesund und gut gelaunt vereinten. Der gemeinsame Abstieg führte uns auf einen versicherten Steig durch die westliche Parzinnenscharte zurück zur Steinseehütte.

Wie würden Sie nun urteilen; war dies eine Genusskletterwoche? Wir sind der Meinung, es war definitiv eine! Sollten wir den kulinarischen Bergsportlern bisher nicht gerecht geworden sein, oder falls wir jemanden noch nicht gänzlich davon überzeugen konnten, dass es sich um echtes "Alpines Genussklettern" gehandelt hat, dann jetzt noch in Kürze ein Auszug aus dem Speiseplan: Tiramisu, frisch gebackener Kuchen mit Sahne, Nudeln mit selbst gemachtem Bergkräuterpesto, Tafelspitz ... Und ein Auszug aus den viel zu schweren Rucksäcken: Knabbernüsschen, Domino-Spiel, Buch, Kuschelschlafsack ...

Text: Monika Purwin, Fotos: Swen Voigt, Dirk Waldeck, Monika Purwin