E5 Teil II Pitztal - Bozen (22. - 30. Juli 2016)

Freitag 22.7.2016: sehr früh morgens Start am Hbf Mainz – da fragt man sich erstmals: ist das Urlaub? Nachdem wir den Anschlusszug in München nicht mehr erreichen, hat unser Wanderführer Manfred das erste Problem gut im Griff. Letztlich treffen wir dann doch noch fast zur ursprünglich geplanten Ankunftszeit an unserem Startpunkt in Plangeroß unterhalb der Rüsselsheimer Hütte ein. Statt nun komfortabel im Tal zu übernachten, steigen wir bei schlechter werdendem Wetter immerhin 700 Höhenmeter auf zur Rüsselsheimer Hütte (2.323 m) – um dann nach einer Nacht in der großzügig erweiterten Hütte am nächsten Tag wieder an die gleiche Stelle abzusteigen! Da fragt man sich erneut: Sieht so der erste Urlaubstag aus? Schließlich sind wir aber nicht zu einer Spaßtour aufgebrochen, sondern wollen den Alpenhauptkamm auf dem E5 überqueren! Und da wir in den kommenden Tagen mehrfach in einer Höhe um die 3.000 m unterwegs sind und übernachten, hat sich der Ausflug zur Rüsselsheimer Hütte als gute Vorbereitung für die anstehenden Höhenmeter und als gute Akklimatisierung an die Höhe des Alpenhauptkamms erwiesen. Außerdem hat uns das abendliche Steinbockgulasch schnell den Aufstieg vergessen lassen!

Samstag 23.7.2016: Im Morgenlicht zeigt sich der Kaunergrat von seiner besten Seite. Bei wolkenlosem Himmel kann man die Umgebung der Kaunergrathütte von der Rüsselsheimer Hütte aus wie von einem Balkon betrachten – und wer den Teil I im Vorjahr mitgemacht hat oder den Hochtourenkurs besucht hat, kann betrachten, wo er oder sie früher schon einmal unterwegs war. Zurück in Plangeroß nehmen wir noch Nachzügler in unsere Gruppe auf: unter anderem zwei Teilnehmer und (neben Manfred und Edgar) unseren dritten Wanderführer Berthold, die gerade den Teil I beenden und nun direkt mit uns weiter den Teil II gehen. Was wir nicht glauben wollen: die zwei Teilnehmer des Teil I sind außerdem noch die Alterspräsidenten in der Seniorengruppe es Teil II! Alle Achtung, was man im hohen Alter noch leisten kann! Nunmehr vollzählig wandern wir erst einmal nur leicht ansteigend zur Gletscherhütte, bei der sich die Talstation der Materialseilbahn zur Braunschweiger Hütte befindet. Manfred hat für uns den Transport der Rucksäcke zur Braunschweiger Hütte (2.759 m) organisiert, was sich angesichts des immer weiter verschlechternden Wetters noch als Segen erweisen wird. An der Gletscherhütte teilt sich die immerhin 23 Personen umfassende Gruppe erstmals in eine Teilgruppe, die mit dem Wanderführer Edgar auf dem Jägersteig zur Braunschweiger Hütte geht, und eine zweite Teilgruppe mit den Wanderführern Manfred und Berthold, die den „Normalweg“ wählt. Letztlich treffen sich beide Gruppen noch vor der Braunschweiger Hütte wieder, da einsetzender heftiger Regen das Fortkommen auf dem eigentlich kürzeren Jägersteig erschwert hat. Alle sind nun froh, die mit der Materialseilbahn transportierten Rucksäcke mit trockener Kleidung vorzufinden.

Sonntag 24.7.2016: Wie schon am Vortag begrüßt uns der Morgen mit einem fast wolkenlosen Himmel und einem herrlichen Blick auf die am Vorabend von Regenwolken verdeckten Berge rund um die Braunschweiger Hütte. Nach dem kurzen Aufstieg auf das Pitztaler Jöchl (3.001 m) bieten sich tolle Fernblicke in alle Richtungen: in das Pitztal mit Riffelsee und Kaunergrat, auf die Gletscher und Gipfel rund um die Braunschweiger Hütte und auf der anderen Seite in die Gletscherskiregion am Rettenbachferner. Höhepunkt des Tages ist der Abstieg vom Pitztaler Jöchl über das Schneefeld zum Skistadion unterhalb des Rettenbachferners. Endlich mal nicht nur Geröll und Felsen unter den Füssen, sondern in der Sonne glänzenden weichen Schnee, der am Ende des Abstiegs sogar eine kleine Rutschpartie erlaubt. Nach der Fahrt durch den Rosi-Mittermeier-Tunnel schließt sich der Panoramaweg Tiefenbach-Vent an, der uns schöne Ausblicke in die Ötztaler und Stubaier Alpen bei allerdings wieder schlechter werdendem Wetter bietet. Außerdem nehmen wir schon einmal den Similaun (3.599 m) mit der unterhalb liegenden Similaunhütte (3.019 m) ins Blick, den wir am nächsten Tag ansteuern werden.

Montag 25.7.2016: Wie nun in diesem wechselhaften Sommer schon üblich starten wir bei bestem Wetter in Vent. Allerdings musste die Gruppe geteilt werden, da nicht alle Platz in der Similaunhütte finden können. Die Gruppe um den Wanderführer Edgar startet etwas früher, da wetterabhängig die Ötzi-Fundstelle besucht werden soll und auch noch der Abstieg von der Similaunhütte zum Übernachtungsquartier in Vernagt auf dem Programm steht. Am Abzweig zur Ötzi-Fundstelle ist das Wetter so stabil, dass wir den Abstecher wagen können. Leider verschlechtert sich das Wetter relativ schnell, so dass die von Geröll, Fels und Schnee geprägte Umgebung der Fundstelle noch trister wirkt. Auf Grund der Wettersituation und der vielen zu überquerenden Schneefelder verweilen wir nur sehr kurz an der Fundstelle und machen uns sehr bald wieder auf den Rückweg. Dabei erweist sich die als Abkürzung gedachte Querung zur Similaunhütte oberhalb des Normalzugangs als unerwartet mühsam. Über Felsstürze und aufgeweichte Hänge hinweg erreichen wir mit reichlicher Verspätung die Similaunhütte. Dort erwarten uns die ausgeruhten Teilnehmer der zweiten Gruppe – bis auf Manfred und zwei weitere Teilnehmer, die die Ötzi-Fundstelle über den Steig von der Similaunhütte aus angesteuert haben. Nach kurzer Stärkung auf der Hütte startet die „Gruppe Edgar“ den steilen Abstieg nach Vernagt, die anderen Teilnehmer winken lässig hinterher. Beim Abstieg setzt Regen ein, der aber gottseidank nicht sehr lange anhält und nicht sehr stark ausfällt. Belohnung für die Anstrengung des Tages ist die freundliche Aufnahme im Bergbauernhof in Vernagt und ein gutes Abendessen im nahe gelegenen Hotel. Leider erlitt eine Teilnehmerin am Abend einen Schwächeanfall und musste die Tour am Folgetag abbrechen, was der Freude über das Geleistete einen Dämpfer verpasste.

Dienstag, 26.7.2016: Die „Gruppe Edgar“ nutzt heute ihren Vorsprung, um weiter das Schnalstal hinunter zu gehen und bei Katharinaberg auf den Meraner Höhenweg zu stoßen. Auf dem Meraner Höhenweg bieten sich dann schöne Ausblicke zuerst in das Schnalstal und später das Etschtal sowie zu den meist von Wolken mehr oder weniger verdeckten Gipfeln der Ortler-Gruppe. Über eine Hängebrücke erreicht die Gruppe schließlich nach einem Endspurt in heftigem Regen den Pirchhof. Auch heute sind wieder erstaunlich viele Wegkilometer und Höhenmeter zusammen gekommen, so dass die Gruppe den Abend auf dem schön über dem Etschtal gelegenen Berggasthof ausgelassen verbringt. Die Gruppe „Manfred und Berthold“ kürzt nach dem Abstieg von der Similaunhütte ein wenig mit dem Bus ab und erreicht den Patleidhof, der ein Stück entfernt vom Pirchhof etwas unterhalb des Meraner Höhenwegs liegt.

Mittwoch, 27.7.2016: Beide Gruppen sind nun wieder vereint und wandern auf dem Meraner Höhenweg u. a. durch die bekannte 1.000-Stufen-Schlucht mit immer wieder schönen Ausblicken ins Etschtal bis zum Hochganghaus.

Donnerstag, 28.7.2016: Wieder einmal haben wir bei schönem Morgenwetter eine herrliche Aussicht bis hin zur Ortlergruppe, bevor wir in Hochmuth die Seilbahn erreichen. Es ist ein schöner Kontrast, nach den ersten anstrengenden Etappen nun nach Dorf Tirol hinunter zu schweben, dann in Meran herum zu schlendern und sich in einem Gasthof oder Café im Freien auszuruhen. Doch auch hier gilt – zu viel Relax-Urlaub darf nicht sein: unser Nachtquartier befindet sich auf der Meraner Hütte gut 1.600 m oberhalb von Meran! Immerhin bringt uns erneut eine Seilbahn einen Großteil der Strecke nach oben, so dass es sich letztlich schon wie ein Ruhetag anfühlt. Einige Teilnehmer fühlen sich daher an diesem Tag noch nicht ausgelastet und hängen noch einen kurzen Ausflug auf den Aussichtsberg Spieler dran.

Freitag, 29.7.2016: Das Morgenwetter bleibt uns treu und erlaubt uns vor allem vom Kreuzjoch aus einen herrlichen Rundblick in die Dolomiten und das Etschtal. Weiter über die Kuppe der Stoanerne Mandln erreichen wir nach recht langer Wegstrecke Jenesien, von wo uns erneut eine Seilbahn nach unten ins Etschtal nach Bozen bringt. Im Hotel Schwarze Katz wird der Abschluss der Tour gefeiert, auch wenn eine gewisse Müdigkeit nach den vielen Kilometern und Höhenmetern nicht zu leugnen ist.

Samstag, 30.7.2016: Der Vormittag steht vor der Rückfahrt zur freien Verfügung, um sich in Bozen umzusehen. Einige Teilnehmer besuchen das „Ötzi-Museum“, um „die Leich“, deren Fundort wir besucht haben, mit eigenen Augen sehen zu können und etwas mehr über die Fundgeschichte und Lebensumstände dieses frühen Alpenbewohners zu erfahren.

Die Teilnehmer sind den Wanderführern Manfred, Berthold und Edgar dankbar für die tolle Auswahl der Strecken und Quartiere sowie die gute Führung durch das manchmal nicht leichte Gelände. Diese Teiletappe der Alpenüberquerung auf dem E5 ist ungeheuer abwechslungsreich und führt uns in wenigen Tagen die Vielfalt der Alpenregion vor Augen. Zwischen 3.000 m auf der Similaunhütte und weniger als 300 m in Bozen haben wir Felsen und Schnee, blühende Almwiesen und die schon südlich heißen Talorte Meran und Bozen durchwandert – und dabei auch noch etwas von der Geschichte der Alpenbesiedlung mitnehmen können. Eigentlich ist diese Tour ein MUSS für jeden, der gerne in den Alpen wandert – fit sein sollte man zum Genießen der Tour aber auch!

Text und Bilder: Michael Gutmann