Schneeschuhbergsteigen im Naturpark Fanes-Sennes-Prags Dolomiten (24. - 29. Januar 2016)

Für alle, die es gerne mal so richtig anstrengend mögen

Gleich vorweg, Schneeschuhwandern muss man nicht unbedingt im Hochgebirge machen, es geht natürlich überall dort, wo genügend Schneeauflage diesen wunderbaren Sport ermöglicht.

Aber in Mitten von zahlreichen 3000ern und bei bestem Wetter macht diese Art der Naturerfahrung erst recht eine Menge Spaß. Und wo man da überall mit oder ohne Stöcke hoch- und runterkommt ist echt verrückt. Mit den großen Metallzacken unter der Lauffläche hat man das Gefühl, quasi senkrechte Hindernisse überwinden zu können, ausreichende und feste Schneeunterlage sowie entsprechende Körperkräfte vorausgesetzt. Auch Eisflächen verlieren jeden Schrecken. Die Krallen helfen natürlich auch in anderem Terrain, sind dafür aber eigentlich nicht vorgesehen.

Unsere Gruppe um Erika Schüller traf sich am 24.01. nach ruhiger Fahrt aus Mainz kommend am Rifugio Pederü Nähe St. Vigil am Rande des Naturparks. Nach kurzer Pause bei Speckknödeln und Apfelsaftschorle rief Erika zum Training. Es galt, die Kenntnisse zur Verschüttetenbergung zu erlernen bzw. aufzufrischen. Uschi und ich als absolute Neulinge auf diesem Gebiet hielten dabei zum ersten Male ein so genanntes „Pieps“ in Händen. Dieses Gerät erleichtert die Suche nach einem Lawinenverschütteten deutlich, da es u. a. Funksignale anderer Geräte dieser Art empfangen und den/die Helfer zur Unfallstelle leiten kann. Auch der Umgang mit der Lawinensonde war Neuland für uns. Da wir aber in der Vorbereitung gut aufgepasst hatten, war Erika bald zufrieden (nicht nur) mit uns.

Zu unserer Unterkunft, dem Rifugio Fanes, gelangten wir kurze Zeit später, nach abenteuerlicher Fahrt, mit dem rifugioeigenen Kettenfahrzeug, da für alle anderen Verkehrsteilnehmer das Befahren der Straßen des Naturparks verboten ist. Als Alternative bot sich auch eine stramme Wanderung von 1,5 Stunden und knapp 500 Höhenmetern an, die aber verworfen wurde. Wir wären sonst erst in der Dunkelheit an unserer Unterkunft angekommen. Schwein gehabt :-)

Das Rifugio empfängt den Gast sehr freundlich und anheimelnd, man fühlt sich gleich wohl und angekommen. Das Abendessen war reichlich und sehr schmackhaft, das ganze Ensemble erinnert eher an ein komfortables Hotel, als an eine Berghütte. Prädikat: sehr empfehlenswert. Auch das Frühstück passt, fällt aber im Vergleich zum Abendessen ein wenig ab. Hier würde man sich vielleicht hin und wieder mal über einen anderen Käse oder ein Ei freuen, aber Bergsteigern/Schneeschuhwanderern/ Skitourengehern verdirbt so etwas nicht die Laune, denn satt wird man auch morgens allemal.

Heute (Montag) sollte es also losgehen, die erste, richtige Tour. Der obligatorische LVS-Check war schnell und sicher absolviert und los ging's. Geplant war von Erika, dass wir zuerst erneut das Suchen von Verschütteten trainieren und anschließend eine „kleine“ Wanderung zum Eingewöhnen unternehmen wollten. Gesagt getan, Erika war auch heute zufrieden mit unseren Leistungen und schon ging's bei bestem Wanderwetter ins Gelände. Kreuz und quer, doch immer die Fanesburg (Ciastel de Fanes) im Blick, wanderten wir durch tiefe Schneefelder und kurze Geröllabschnitte. Wobei das Ganze nicht nur nicht topfeben war, sondern ein stetiges und zuweilen auch steiles Auf und Ab bedeutete. Etwas unterhalb der „Burg“ drehten wird dann aber ab, um auf dem Heimweg noch die sogenannte Schildkröte (Col de Toronn) besteigen zu können. Schlussendlich waren dann für den heutigen Tag etwas mehr als 11 km und ca. 600 hm geleistet. Hut ab!

Dienstag dann auf ein Neues: ab in die Berge. Nach dem allmorgendlichen Ritual des LVS-Checks stapften wir diesmal in Richtung der Kriegsschauplätze des 1. Weltkrieges. Ziel war der Monte Castello, einer der meistumkämpftesten Gipfel dieser Region. Zuerst über das Limo-Joch auf einer alten Militärpiste bis zur GrossFanes-Hütte und dann offroad zum Friedensbiwak in gut 2800 Metern Höhe. Von der GrossFanes-Hütte kommend, sieht der Weg recht einfach aus, doch er entpuppt sich für uns schnell zu einer echten Herausforderung. Jeder Schritt muss wohlbedacht gesetzt werden, durch die Steilheit des Geländes kommt man nur langsam voran. Mit zunehmender Höhe wird die Luft für uns Flachlandtiroler schon merklich dünner, der Aufstieg wird mit jedem Schritt ein wenig anstrengender. Nicht ganz unschuldig daran ist natürlich auch der Rucksack, der neben Wechselklamotten, selbstverständlich auch Verpflegung sowie die Lawinenausrüstung enthält. 7-8 kg kommen da schnell zusammen. Da Erika sogar noch einen gefüllten Flachmann mit sich rumtrug und sowieso perfekt ausgestattet war, dürfte sie sogar mit noch etwas mehr Gewicht unterwegs gewesen sein.

Oben angekommen war Zeit für eine ausgiebige Pause in historischem Gelände, überall sah man noch Spuren der Kriegsvergangenheit. Gut vorstellbar, dass hier vor 100 Jahren mehr Menschen verhungerten oder erfroren, als durch Feindeshand gestorben sind. Kahl, ausgesetzt und kalt ist das ganze Gelände. Das Friedensbiwak selbst ist eine massive Holzhütte, die gegen alle Unwetter geschützt, am Monte Castello mit dicken Drahtseiten festgezurrt ist, sie dient als spartanische Unterkunft für Bergwanderer. Bestimmt toll, an dieser Stelle einen Sonnenaufgang live miterleben zu dürfen.

Der Weg ins Tal zurück zum Rifugio gestaltete sich bis zur GrossFanes-Hütte ähnlich anstrengend wie der Aufstieg, jeder Abschnitt des Weges will regelrecht erkämpft werden. Aber irgendwann ist dann doch die Faneshütte wieder erreicht, die Ausrüstung versorgt und das erste Bier gezischt. Die Gruppe lässt den Tag Revue passieren und alles ist gut.

Mittwoch war für meine Wenigkeit Pause angesagt, ich war müde, hatte schwere Beine und irgendwie keine Lust auf Schnee, keine Lust zu wandern, keine Lust zu gar nichts. Dem Rest der Gruppe schien der Aufenthalt nichts auszumachen, sie brachen pünktlich auf, um das Antonius-Joch zu erreichen und an der „Schildkröte“ (Col Toronn) vorbei wieder zurückzukehren. Apropos Schildkröte: Dieser Vorberg der sogenannten „Neunerspitze“ (Cima Nove) ist selbst schon über 2400 Meter hoch, er erscheint aber im Vergleich zu den benachbarten Riesen der Kreuzkofelgruppe „Neunerspitze (Cima Nove)“, „Zehnerspitze“ (Cima Dieci) und Heiligkreuzkofel (Sasso Santa Croce) eher unscheinbar. Seinen Namen hat er von seiner charakteristischen Form, die an einen Schildkrötenpanzer erinnert. Wir verabredeten uns für ca. 13.30 Uhr an der Lavarella-Hütte, die Gruppe zog los und ich verlebte einen entspannten Vormittag. Als ich dann später zum Rifugio Lavarella kam, saßen die Freunde dort schon gemütlich zusammen und plauderten angeregt über die heutige Tour. Mit einem Kaiserschmarrn ließ auch ich es mir gutgehen.

Donnerstag: die Königsetappe war angesagt, es sollte zum Joch am Heiligkreuzkofel in immerhin fast 2900 Metern gehen. Anfangs war sogar noch ein Aufstieg bis zum Gipfelkreuz des Heiligkreuzkofels angedacht worden, die Idee relativierte sich aber recht bald, da schon der Aufstieg sich unerwartet in die Länge zog und ein weiterer Aufstieg zeitlich nicht mehr wirklich gepasst hätte. So zogen wir dann bei bestem Wanderwetter unsere Spuren durch den Schnee und erreichten wohlbehalten unser Ziel. Das Joch selbst bietet einen spektakulären Ausblick auf die umliegenden Berge sowie auf das Tal zwischen Badia/Wengen und St. Kassian/St. Cassiano. Wie auf einem Balkon, das Rifugio St. Croce liegt 500 Meter fast senkrecht unter uns, der Talboden über 1000 Meter tiefer, genossen wir die atemberaubende Aussicht. Einige Dohlen bettelten um Futter, Bilder wurden gemacht, der obligatorische Schnaps machte die Runde. Alles klar? Absolut! Alle Anstrengungen sind vergessen, uns geht’s gut.

Vom Abstieg gibt’s nicht sonderlich viel zu erzählen, er verlief größtenteils wie der Hinweg, kostete ordentlich Kraft, das „Heimatrifugio“ zeigte sich erst spät und nur zögerlich. Eine Pause in der Lavarella-Hütte wurde gerne eingelegt, ist die Hütte doch ein sehr angenehmer Ort zum Ausruhen. Sie bietet feine Küche und guten Kuchen sowieso. Auch hier: Prädikat sehr empfehlenswert.

Der Freitag war dann der Abreise gewidmet, gewandert wurde nicht mehr.

Abschließend darf festgestellt werden: Unsere Bergführerin Erika hat uns eine wunderbare Woche beschert. Sie war allzeit bestens informiert und hat uns kompetent und sicher durch die Berge geführt, hinter ihr bin ich sicher nicht zu letzten Mal durch die Berge gestapft.

Unsere Gruppe lernte sich erst kurz vor der Reise kennen, Schorsch stieß sogar erst vor Ort zu uns. Trotzdem entwickelte sich rasch ein gutes Gefühl untereinander, zumindest ich fühlte mich mehr als ein Teammitglied, denn als ein anonymer Teilnehmer einer Reisegruppe. Und ich glaube, den Anderen ist es ähnlich ergangen. Es war eine superschöne Zeit zusammen, die ich nicht vergessen werde. Ich kann mich nur bedanken und freue mich schon auf ein Wiedersehen mit den neuen Freunden.

Jürgen Riplinger

Teilnehmer: Jürgen Riplinger, Uschi Riplinger, Schorsch Hill, Werner Rossbach, Dietmar Häger und Oliver Bieser, Tourenleitung: Erika Schüller