Alpenüberquerung E5 Teil II Pitztal - Bozen (18. - 26. Juli 2017)

Hinein ins Leben - Auf dem E5 vom Pitztal nach Bozen

Dienstagmorgen, 8 Uhr, 5 °C, weiß-blauer Himmel, klare Sicht. Mit einem schrillen Ton aus seiner Signalpfeife reißt unser Tourenführer Peter uns aus einer noch wabernden Schläfrigkeit nach einer Nacht auf der Meraner Hütte. Wir fiebern diesem Ritual am Beginn jeden Tages unserer Wanderung entgegen, verspricht er doch eine gewisse Spannung auf schöne Eindrücke und gute Erlebnisse auf unserem Weg vom österreichischen Pitztal nach Bozen in Südtirol. Ich frage mich jedoch, ob denn diese Pfeifen nicht auch in E-Dur statt in 20.000 Hz zu bekommen sind. Die Frequenz geht mir durch Mark und Bein! Jedenfalls sind wir alle schlagartig aufnahmebereit für das allmorgendliche kurze Briefing von Peter, der uns die Perspektiven für die nun folgende Wegstrecke darlegt: Heute erwartet uns nach Abzug der Fronten eines Tiefdruckgebietes klares, kühles Wetter. Wir werden ca. 8 Stunden Marsch vor uns haben, davon zuerst eine Stunde im Aufstieg. Eine Mittagsrast ist in einer Gaststätte unterwegs geplant. Danach mechanischer Abstieg mit Zuhilfenahme einer Seilbahn, die uns vom Berg hinunter nach Bozen bringen soll, wo wir zum Ende der Tourenwoche unser Ziel erreichen wollen.

Gerade dieser letzte Wandertag zeigt sich noch einmal von einer Seite, die alles bietet, was ich mir von der Bergwanderung erwartet habe. Die klare Luft ermöglicht uns durchgängig atemberaubende Weitblicke auf die Bergwelt Südtirols. Brenta, Adamello, Rosengarten, Schlern, Langkofel und die Sellagruppe liegen vor uns ausgebreitet. Der Weg führt über ein Hochplateau, vorbei an Wiesen und Weidegebieten, die von der strahlenden Sonne ins rechte Licht gerückt werden. Ideale Verhältnisse für unseren Ausdauerfotografen Bernd, der auf dieser Reise gefühlte 2,8 Millionen Bilder geschossen haben muss!

Ich bin seit einer Woche Teil dieses Teams aus 18 bergbegeisterten Wanderern, die sich auf Tour begeben haben, um Teil II der Etappenwanderung auf dem europäischen Fernwanderweg E5 in Angriff zu nehmen. Dieser bietet mit der Gesamtstrecke von Oberstdorf nach Verona eine veritable Alpenüberquerung, die von der DAV Sektion Mainz für interessierte Wandersleute angeboten wird.

Obwohl unser Trupp mit 18 Leuten zahlreich besetzt ist, kommt bei uns nie die Atmosphäre einer Massenveranstaltung auf. Unsere beiden Guides Peter und Stefan harmonieren sehr gut im Zusammenhalten unserer Horde. Gerade von Stefans umfassendem Wissen profitieren wir außerordentlich während der Wanderung, bei den obligatorischen Trinkpausen und abends beim gemütlichen Zusammensein auf diversen Hütten. Da bleibt kaum ein Berggipfel auf dem Weg unbenannt, kein Steinbock, der in unsere Nähe kommt, unentdeckt und keine Blume am Wegesrand übersehen.

Gleich am ersten Tag der Tour hatten wir einen Härtetest zu überstehen: nachdem wir am frühen Nachmittag den Anstieg zur Rüsselsheimer Hütte bei schönem Sonnenschein in Angriff genommen hatten, schickte uns der Wettergott auf halbem Wege einen Gewitterregen vorbei, damit wir die Funktionalität unserer Regenbekleidung testen konnten. Da bekanntlich die 100%ig wasserdichten und gleichzeitig hoch atmungsaktiven Klamotten hierzu immer noch nicht entwickelt werden konnten, waren Schuhe und Hosen bei Ankunft auf der Hütte entsprechend durchgeweicht und wurden im Trockenraum ausgebreitet. Die Hütte war voll besetzt und alle wollten ihre Bekleidung trocknen, deshalb glich der Trockenraum eher einem tropischen Gewächshaus, so dass der letzte Feuchterest im Laufe des nächsten Tages aus den Schuhen herausgelaufen werden musste.

Es sollte sich jedoch herausstellen, dass dies für uns der einzige Tag mit gefühltem Starkregen war. Zwar deutete sich hin und wieder eine Regenfront an. Doch irgendwie kam es uns vor, als ob Petrus den ersten Wandertag als Übung für uns vorgesehen hatte und dann so überzeugt von unserem Dagegenhalten war, dass er jegliche weiteren Störungsversuche unterlassen hat. Regen ist immer nur nachts gefallen oder in Zeiten, in denen wir nicht auf freien Wegen unterwegs waren. So fiel der mehrstündige Aufenthalt in Meran genau zusammen mit dem Durchzug einer Regenfront, die aber in zahlreichen Cafés und Wirtshäusern der Stadt gut überstanden wurde. Der anschließende Weitermarsch gestaltete sich dann wieder ohne Nässe von oben.

Mit der Überschreitung des Pitztaler Jöchls auf 2.996 m Höhe am dritten Tag wurde das Dach der Tour erreicht. Der anschließende Abstieg hinunter zu den Gletschern des Skigebietes von Sölden führte uns beeindruckend vor Augen, wie schrecklich die Eingriffe des Menschen im Streben nach kommerziellen Zielen auf die Natur wirken. Monströse Anlagen des Skizirkus fressen sich hier wie Geschwüre in die Bergwelt und es kommen immer noch weitere Bauwerke dazu. Nichts wie weg von hier, dachten wir uns mit einem mulmigen Gefühl ob des gerade Gesehenen und nahmen den Weitermarsch entlang des Venter Panoramaweges in Angriff. Im Bergsteigerdorf Vent erwartete uns mit dem Gasthof Gstrein eine nette Unterbrechung des Hüttenlebens. Wir mussten zugeben, dass zwischendurch eine komfortable Unterkunft mit Annehmlichkeiten wie Duschen ohne Münzeinwurf und Genießen der Sauna nach einem Tag auf Wanderschaft die Moral problemlos auf hohem Niveau halten kann. Sogar ein Wäscheservice für unsere getragene Kleidung wurde von der Gastgeberin angeboten, den wir alle in Anspruch genommen haben. Und am nächsten Morgen hatten wir viel Spaß beim Sortieren des sauberen Kleiderberges, bis alle wieder ihre passende Unterwäsche auseinanderdividiert hatten.

Unsere beiden Wanderführer hatten sich ab Vent eine kleine Variante der gewohnten E5-Route ausgedacht. Sie führt durch das Rofental durch beeindruckendes Fels- und Muränengebiet, das die cineastisch versierten Teilnehmer der Gruppe durchaus mit der Landschaft von Smaugs Einöde oder dem Mordor aus dem Film „Der Herr der Ringe“ zu verbinden wussten. Mit dem Tagesziel der „Bella Vista – Hütte“, hoch über dem Schnalstal gelegen, hatten wir damit auch schon italienischen Boden erreicht. Diese zünftige Hütte, die in ihrer Gemütlichkeit dennoch mit Annehmlichkeiten wie Designerwaschräumen (ohne Münzeinwurf kommt einfach warmes Wasser aus dem Hahn? Wow!) und einem 4-Gänge-Menü aufzuwarten wusste, stellt eine schöne Alternative zu dem Massenbetrieb dar, der in vollbesetzten anderen großen Hütten vorherrschen kann. Der Bollerofen der hier auf über 2.800 m liegenden Außensauna – der höchst gelegenen der Alpen – wurde am Ende dieses Tags fleißig von uns gefüttert. Die anschließende Nachtruhe hier oben brachte uns die Erkenntnis, dass, obwohl wir uns alle gemeinsam das große Bettenlager unter dem Dach teilten, jeder doch einen recht ungestörten Schlaf finden konnte. Das große Schnarchgetöse war ausgeblieben. Und sowas kann eine Gemeinschaft noch zusätzlich zusammenschweißen!

Es gäbe noch viele kleine und größere Episoden von unserer Unternehmung zu berichten, was den Rahmen dieser Publikation aber sprengen würde.

Am Ende bleibt für mich die Erkenntnis, dass ein solches Unterfangen wie unsere Tour auf dem E5 eine gewisse Erdung hervorruft, die einem die grundsätzlichen Dinge des Lebens vor Augen führt. Es dreht sich um tägliche Gedanken wie: Wie wird das Wetter? Packe ich die Regenkleidung nach oben oder unten im Rucksack? Wie weit ist es zur nächsten Rast? Wie wird die nächste Übernachtung werden? Habe ich genug zu trinken mitgenommen?

Es ist auf einmal völlig unwichtig, ob Aktienkurse steigen oder fallen, wann das neue iPhone herauskommt oder welchen Tweet Mister Trump gerade abgesetzt hat.

Man findet beim Wanderschritt in grandioser Landschaft und dem gemeinsamen Erlebnis der Natur sehr gut die eigene Mitte wieder. Ich kann dieses Erleben nur jedermann empfehlen.

Text: Jo Höfer, Fotos: Ralph Demuth